Perfektionismus als Strategie
Die Natur kennt keinen Perfektionismus. Sie strengt sich nicht an, um zu gefallen. Sie will nicht anders sein, als sie ist. Sie ist einfach. Warum fällt uns Menschen das so schwer? Es gibt einen Grund…
Perfektionismus
Perfektionismus ist ein weit verbreitetes „Symptom“. In unserer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft fällt er oft gar nicht auf oder wird gar hoch angesehen. Perfektionismus von seiner Schattenseite betrachtet (und darum soll es in diesem Blog gehen) ist aber alles andere als normal. Das, was nach außen so beneidenswert perfekt zu sein scheint, fordert von den betroffenen Menschen einen oft hohen Preis.
Keine Zufriedenheit, keine Pause, keine Erholung. Kein Gefühl von „es ist genug“ - denn es ist nie genug. Das gipfelt im schlimmsten Fall in einem sogenannten Burn-out.
Perfektionismus in seiner ungesunden Version kommt nicht in unser Leben, weil wir so gerne viel Leistung bringen. Er diente uns irgendwann als Strategie mit dem Ziel, schwierige Ereignisse oder Phasen im Leben zu bewältigen. Hinter dem scheinbar perfekten Leben verborgen sind oft tiefe Ängste oder durch Trauma und frühe Prägungen verursachte Wunden. Diese Wunden betreffen besonders den Selbstwert und das Selbstempfinden des Betroffenen. Es wirkt sich auf die Fähigkeit aus, sich und dem Leben zu vertrauen und somit auch auf alle Beziehungen.
Perfektionismus als (Über-) Lebensstrategie „brennt“ sich in unser System ein und pusht uns gnadenlos voran. Wir haben das Gefühl, das wir das nicht ändern können, so stabil sind diese etablierten Muster. Vielleicht bemerken wir es nicht einmal, weil es so gewohnt ist. Nur irgendwann fehlen uns die Kraft oder die Bereitschaft, alles perfekt aufrecht zu erhalten. Spätestens dann sind wir gezwungen, anzuhalten und uns dem zuzuwenden.
Für einen Perfektionisten hat alles, was im Hier und Jetzt passiert, die Färbung der Vergangenheit. Perfektionismus in dieser Form wurde einst als Überlebensstrategie etabliert. Bezugspersonen gaben diesem Menschen nicht das Gefühl, gut genug zu sein. Dieses Empfinden ist subjektiv und wurde den Mitmenschen vielleicht ganz anders gesehen. Doch das ändert für den Betroffenen nichts. Es war ihm nicht möglich, ausreichend Selbstwert zu entwickeln. Er ist ständig von Leistung getrieben, wie damals. Selbst wenn etwas gelungen ist, das gute und zufriedene Gefühl dazu bleibt aus. Lob und Glückwünsche können nicht gut angenommen werden. Nichts kommt so richtig im Innern an, verpufft sogleich oder ist nur abgestumpft wahrnehmbar.
Was geschah damals?
Möglicherweise haben wir nicht genug Liebe und Aufmerksamkeit bekommen, vielleicht sogar Strafe, wenn wir etwas nicht richtig machten. Ein Kind bezieht alles auf sich selbst. Daran kann kein Kind der Welt etwas ändern, es ist ihm schlichtweg nicht möglich. Das kindliche Hirn kann nichts abstrahieren. Das Kind kann sich auch nicht distanzieren. Mit dem, was ihm durch seine Bezugspersonen gespiegelt wird, muss es umgehen können. Denn von ihnen ist es in jeder Beziehung abhängig. Also wird es instinktiv Strategien entwickeln, um gesehen und wertgeschätzt zu werden.
Auch nach einer schlimme Beschämung kann es dazu kommen, dass ein Perfektionismus entwickelt wird. Es besteht Angst, erneut verletzt zu werden und dabei wieder voller Scham im Boden zu versinken. Wenn wir alles richtig machen und gute Leistungen bringen, dann sind wir sicher. Besser nicht negativ auffallen, bestenfalls gar nicht auffallen. Wir verstecken uns hinter dem Perfektionismus als Schutz vor Scham und der Angst, damit allein gelassen zu sein.
Die höchste Priorität für ein menschliches Wesen ist Bindungssicherheit, insbesondere natürlich in der Kindheit. Diese Bedürfnis ist naturgegeben und sichert das Überleben. Eine erlebte Abwertung ist gleichzusetzen mit einer Bedrohung der Bindungssicherheit. Hier kann nun als Lösungsstrategie der Leistungsgedanke ins Spiel kommen. Leistung wird eingesetzt, um zu gefallen, um zu zeigen, dass man „gut genug“ ist. Über Leistung einen Bindungsverlust abzuwenden kann zu einer fast zwanghaften Strategie werden.
Fehler sind bedrohlich und Kontrolle über Fehler führt zu perfektionistischem Verhalten.
Alles muss richtig sein und perfekt gemacht werden. Im wahrsten Sinne verrückt dabei ist, dass sich der Drang, perfekt zu sein, nicht auf unser Tun, sondern auf unsere Identität bezieht. Es geht nicht darum, wer wir sind, sondern was wir tun. Nicht wir als Mensch sind wichtig, sondern dass, was wir leisten! Das Ergebnis unseres Tuns ist aber nicht der Ausdruck unseres Seins. Spätestens hier wird klar, dass Perfektionismus niemals einen Lösung sein kann.
Diese fatale Verknüpfung von Leistungsgedanken und Sein macht abhängig von Leistungen. Kritik kann als vernichtend empfunden werden. Der einzige Schutz: keine Fehler machen. Das ist ein Teufelskreis:
Angst vor Kritik und Abwertung --- Schutz durch sehr hohen Anspruch an sich und seine Leistung --- das Gefühl, es ist nicht genug --- noch mehr Leistung --- es wächst wieder die Angst vor Ablehnung und Kritik = Kreis geschlossen.
Kein Anhalten, keine Reflektion, dass etwas gut war oder gut gelaufen ist. Was stets bleibt ist die Angst, nicht gut genug zu sein und die Identifikation mit den eigenen Fehlern und Leistungen. Das ist eine sichere Straße Richtung Burn-out. Der Stresslevel steigt und das autonome Nervensystem wird total überfordert. Wenn nichts mehr geht und der Perfektionismus nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, wird alles an die Wand gefahren. Die nun fehlende Kompensationsstrategie, nämlich das perfektionistische Verhalten selbst, kann dazu führen, dass Menschen im sogenannten Burn-out landen.
Perfektionismus tötet unsere Lebendigkeit, weil wir im Überlebensmodus sind.
Der Antrieb, aufgrund seiner Perfektion geliebt zu werden, ist so unglaublich groß und dadurch bestimmend. Das deckelt unsere Authentizität, denn wir können nicht mehr so sein, wie wir sind. Sondern nur noch so, wie wir glauben sein zu müssen, um positiv gesehen zu werden. Die tiefe Angst, nicht gut genug zu sein, bezieht sich auf viele Bereiche. So kann der Körper dafür herhalten und wird ständig perfektioniert, ob durch Sport, Diäten, Operationen uvm. Praktisch alles, was im Außen perfektionistisch kontrollierbar ist, kann betroffen sein. Manche Menschen brauchen ihr perfekt eingerichtetes Zuhause, perfekte Kinder, perfekte Partner und natürlich den perfekten Job. Auch Seminar und Kurse zur „Persönlichkeitsentwicklung“ können für Perfektionisten vermehrt von Interesse sein … immer auf der Suche nach (Selbst-) Optimierung.
Das Bestreben, über die eigene Leistung und gute Performance Kontrolle zu behalten, betrifft viele Perfektionisten. Die Kontrolle über die eigenen Gefühle, die bedrohlich sind. Die Kontrolle über den eigenen Körper, der sich vielleicht bemerkbar macht. Ob mit Schmerzmittel, durch hartes Training oder auch durch stetige Ignoranz wird hier versucht, die Kontrolle über den Körper zu behalten. Wir stellen uns über ihn, kommunizieren nicht mit ihm und unterwerfen ihn unserem Leistungsanspruch – solange, bis er nicht mehr mitspielt. Manche Perfektionisten streben die Kontrolle über die Gefühle ihrer Mitmenschen an. Durch ein bestimmtes Verhalten, z.B. eine gewünschte Anpassungsleistung, wird manipulativ Einfluss auf Beziehungen genommen.
Was kannst Du tun, wenn Du unter Perfektionismus leidest?
Reflektiere Dich – sanft und liebevoll. Es gibt innere Anteile, die endlich gehört und gesehen werden möchten. Dein innerer Kritiker kann helfen, deine Potentiale zu entdecken. Mit seinem scharfen Verstand kann er wohlwollende Kritik äußern, die für einen Schaffensprozess wichtig ist. Er spornt dich an und hilft dir, das Beste aus deinem Tun zu machen - ohne dein Sein jemals in Frage zu stellen. Anders möchte es der innere Richter. Er nährt sich von perfektionistischer Besorgnis und übertriebener Fehlervermeidung. Er ist nicht wohlwollend, sondern verurteilend und dadurch strafend und richtend. Er hält dich in einer schmerzhaften Enge, schürt den Zweifel an dir selbst und hält die Angst vor Bewertung aufrecht. Es geht ihm nicht um Entwicklung, sondern darum, über gut oder böse, über richtig oder falsch zu richten.
Beide Anteile haben ihren verdienten Platz in deinem Leben. Es ist hilfreich, sie voneinander unterscheiden zu können. Der innere Richter kam ebenfalls in dein Leben, um dir durch schwere Zeiten zu helfen. Nur durch ihn war es möglich, Perfektionismus als Überlebensstrategie zu etablieren. Es ist sehr hilfreich, die eigenen Anteile kennen zu lernen, ihre Anliegen zu verstehen und sich ihnen mehr und mehr bewusst zu werden. Denn daraus ergibt sich, warum etwas in deinem Leben so ist, wie es ist. Dieses Verständnis für dich selbst ist ein wichtiger Heilungsschritt.
Du bist nicht deine Fehler und nicht deine Leistung. Alles, was deinen Perfektionismus nährt, lass sein. Schritt für Schritt, ohne Druck und mit viel Wohlwollen. Das wird deine Souveränität wachsen lassen.
Höre auf, dich zu vergleichen. Vergleichen als Vorbild kann gut sein, aber meistens geht es bei einem Perfektionisten um Abwertung der eigenen Person. Es gibt immer jemand Besseren! Doch es gibt niemanden, der es so macht, wie du! Es geht nicht darum, gut oder besser zu sein, sondern authentisch zu sein. Du bist einzigartig und das ist ein Geschenk! So sein zu wollen wie jemand anderes ist die falsche Motivation.
Mache dir deine Werte bewusst. Was dient wirklich deinen Werten und was nur deinem Perfektionismus? Das kann dir sehr helfen, ein Leben zu führen, das dir entspricht und nicht dem Außen.
Höre auf, Fehler mit Versagen gleich zu setzen. Mach so viele Fehler wie nötig, sie machen dich klug!
Weg vom Richter, hin zum konstruktiven Kritiker. Suche die bewusste Verbindung zu deinem inneren Kritiker. Er wird deinen Schaffensprozess unterstützen und respektiert dabei stets dein Sein. Für ihn musst du nicht erst etwas werden, um geliebt und gesehen zu werden.
Ganz wichtig: kümmere dich um dein Nervensystem. Perfektionismus kann zu einer starken Stressproblematik führen. Dein Nervensystem braucht dringend Regulation. Du darfst lernen, wie du dich selbst regulierst und wie du die Zustände deines Nervensystems einschätzen kannst. Das ist für den Erhalt deiner Gesundheit wirklich sehr wichtig.
Unter dem Druck eines perfektionistischem Verhaltens zu stehen, das kann sehr anstrengend sein und vielleicht hast du Bedenken, dass du da niemals hinaus findest. Hol dir Hilfe. Du musst es nicht alleine bewältigen. Und wenn es dir schwer fällt, nach Hilfe zu fragen, dann frag dich, ob das vielleicht auch eine alte Überlebensstrategie ist? Eine, die du heute ebenfalls und mit allem Respekt verabschieden kannst?
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