Echt liebevoll
Heute, auf meinen morgendlichen Spaziergang mit den Hunden, lief ich durch diese wundervoll ursprüngliche Natur Mallorcas, nahe meines Zuhauses. Dabei lauschte ich den Vögel und beobachtete die Wolken, die heute recht schnell und eindrucksvoll durch unser Tal zogen. Der Tag begann sehr windig. Meine Hunde waren dicht bei mir und wie immer guter Dinge, dabei schön in ihrem Zusammenspiel zu beobachten. Alles war harmonisch und es herrschte ein freundliches Miteinander. Bilderbuchatmosphäre sozusagen. Bis der Hase in Spiel kam. Als die drei mitbekamen, dass Meister Lampe vor uns des Weges entlang hoppelte, da änderte sich die Lage blitzschnell. Von diesem Augenblick an ging es um etwas ganz anderes, um etwas jenseits von harmonisch und freundlich. Es ging ums Jagen, im Zweifelsfall auch ums Töten. Wie sollte es anders sein, wir alle wissen, schließlich sind Hunde auch Jäger. Es ist ihre Natur, zu jagen. Ich nehme an, diese Aussage können die meisten von uns genauso stehen lassen.
Soweit, so gut. Irgendwie ist uns allen bewusst, dass die Natur nicht nur ihre schönen Seiten hat. Dort wird gejagt, gemordet und das oft auch ziemlich brutal. Es gibt Naturkatastrophen, die großen Schaden anrichten und manchmal auch ganze Landstriche zerstören, sodass Lebensraum langfristig vernichtet bleibt. Kurzum: so ist Natur. Wir können es akzeptieren und wir würden die Natur niemals dafür verurteilen. Wir wissen, wir leben in einer Welt der Polaritäten. Auf der einen Seite dieses Wunderwerk an Schöpfung, Schönheit und Intelligenz, auf der anderen Seite Zerstörung, Gewalt und Tod.
Die Natur und damit unsere gesamte Erde ist ein lebendiges Wesen, genau wie wir selbst. Licht und Schatten tanzen miteinander. Und nicht nur das, sie gleichen sich aus. Es ist, als würde dieser Körper Erde immer wieder genau wissen, wann und wo ein Zuviel oder ein Zuwenig herrscht und dann damit beginnen, das Gleichgewicht wieder herzustellen – wie immer dieses Gleichgewicht auszusehen hat. Zuviel Licht verlangt nach Schatten, zu viel Schatten nach Licht. Die Erde hat dabei kein Konzept, sondern bedient sich einer Intelligenz, die jenseits von Wertung ist. Mit anderen Worten: Sie interessiert sich nicht dafür, liebevoll, nährend, schön, empathisch oder sonst was zu sein, sondern sie ist, wie sie ist – einfach echt.
Du ahnst vielleicht schon, auf was ich hinaus will. Und dabei lehne ich mich jetzt gleich, vielleicht auch „spirituell unkorrekt“, etwas aus dem Fenster. Aus meiner Sicht geht es nämlich auch bei uns Menschenwesen nicht darum, liebevoll zu sein - es geht vielmehr darum, das auch zu sein. Um was geht es denn eigentlich überhaupt?
Es geht darum, authentisch zu sein.
Ein authentisches Wesen ist nicht nur liebevoll, kreativ, freundlich, empathisch und anderen wohlgesonnen. Ein authentisches Wesen kennt Tage, an denen es vor Ärger meterhoch Feuer spucken könnte, an denen es kein Verständnis für irgendetwas oder irgendwen aufbringen kann und an denen es Neid und Wut in sich spürt, die ein Ventil brauchen.
Was passiert, wenn wir nicht authentisch sind?
Wut, die wir schon lange unterdrücken, weil wir vielleicht immer da „ja“ sagen, wo wir eigentlich „nein“ meinen, wird sich entladen, egal wo. Vielleicht bei unseren Kindern oder Kollegen, vielleicht bei unserem Hund. Manche Menschen glauben, dass sie sich zur Vermeidung solcher Gefühle mit irgendwelchen Licht- und Liebe-Konzepten aus der Patsche helfen können. Doch mitnichten, sie machen es sogar noch schlimmer. Wenn wir nicht authentisch sind, dann wird unser Schatten (bei uns selbst oder an anderer Stelle) einen Ausgleich schaffen. Genauso, wie Mutter Erde das auch tut. Nochmal: Unsere Natur ist es nicht, liebevoll zu sein, unsere Natur ist es, auch liebevoll zu sein. Liebevoll, empathisch, fürsorglich, sanft, kraftvoll, vernichtend, wild und unberechenbar. Kurzum: Sei liebevoll, wenn du liebevoll sein willst – und sei wütend, wenn das gerade angesagt ist. Du musst ja nicht gleich alles Geschirr auf den Boden werfen… (oder zumindest nicht jedes Mal… )
Wir tragen so viele Aspekte in uns. Sie sind es, die das Leben zu dem spannenden und emotionalen Bühnenstück machen, das uns alle tagtäglich unterhält. Wenn du authentisch bist, dann sorgst du nicht nur für einen gesunden Ausgleich in deinem Leben und auf der Erde, sondern du wirst dein Leben als viel weniger anstrengend erleben. Du musst dich nicht mehr verstellen, du wirst aufrichtiger und stehst zu deinem perfekt-unperfekten Menschsein.
Zum Ende zurück an den Anfang dieses Artikels, zu meinen Hunden. Genauso selbstverständlich, wie sie vor einer Stunde noch dem sanften Hasen den Garaus machen wollten, liegen sie gerade völlig friedlich (sollte ich es korrekter Weise authentisch friedlich nennen?) neben meinen Schreibtisch, mit sich und der Welt in Einklang. Das ist für mich ein Aspekt von Weisheit, wie ich ihn bei uns Menschen oftmals vermisse. Tiere zeigen sich in ihrer Echtheit, sie sind in jedem Moment so, wie sie sind und dabei so viel freier und authentischer als wir Menschen. Sie haben nicht den Anspruch, die Welt zu verändern oder zu verbessern, geschweige denn brauchen sie jemanden, der ihnen das Leben erklärt oder dessen Worte sie zu ihren machen müssten.
Übrigens, die Hunde haben den Hasen nicht gefangen. Dafür gab es im Anschluss und wie jeden Morgen Frühstück zu Hause. Es gab Fleisch - genau genommen also tiefgefrorenen Tod aus dem Schlachthaus, häppchenweise. Und dieses wurde mit großer Freude gefressen.
So, schwupps, da ist er wieder, der Schatten, Hand in Hand mit dem Licht. Tja, was des einen Freud‘ ist, ist des anderen Leid… und es gibt einfach kein Entrinnen. Verflixt ist das, oder?
Foto @carina.braak